„Wenn ich gesund bleiben möchte, kann ich nicht mehr unterrichten“

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Kinder und Bildung

Protokoll: „Wenn ich gesund bleiben möchte, kann ich nicht mehr unterrichten“

Kathi*, 37, ist Grundschullehrerin in Berlin und seit über einem Jahr krankgeschrieben. Diagnose: Burnout, Depression und Angstzustände. Hier erzählt sie, wie es so weit kommen konnte.

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Bildungsreporter

Als es mir schon richtig schlecht ging, musste ich zur Amtsärztin; sie wolle mal überprüfen, wie krank ich wirklich sei, sagte sie. Und nahm mich richtig auseinander. Ich war fix und fertig und habe die ganze Zeit geheult. „Sagen Sie doch mal was!“, schnauzte sie mich an. Am Ende des Gespräches fragte die Ärztin, ob ich mir vorstellen könne, in zwei Monaten in die Schule zurückzukehren. Ich war unsicher, ich wusste es nicht. Aber ich sagte: „Ja, ich glaube schon.“ Und dann zeigte die Ärztin auf mich: „Pfff, glauben Sie denn, in dem Zustand kann man Sie vor eine Klasse stellen? Sie müssen mir hier nicht nachplappern wie ein Papagei!“

An meine allererste Unterrichtsstunde erinnere ich mich sehr gut: Erstes Semester, 26. Juni 2002, wir Studenten waren zu dritt, Mathe in der zweiten Klasse, Thema „Rechnen mit dem Euro“. Die Stunde hatten wir mit enormen Zeitaufwand vorbereitet. Es war schön, vor einer Klasse zu stehen und zu sehen, wie viel Spaß die Kinder haben. Ich war vorher zwar aufgeregt, aber am Ende sind die Kinder zu mir gekommen, haben mich umarmt und mich gefragt: „Wann kommst du wieder?“

Das hat mich bestärkt. Auch später, als ausgebildete Grundschullehrerin, habe ich oft ein sehr ehrliches und direktes Feedback von den Schülern bekommen. Sie haben mir Bilder gemalt, ich war für sie neben den Eltern eine feste Bezugsgröße, sie erzählten mir Geheimnisse oder schrieben mir Zettel, auf denen stand: „Ich hab dich lieb!“ Das vermisse ich heute sehr.

Lehrerin sein, das war nie ein richtiger Traumjob für mich. Nach dem Abitur wusste ich aber überhaupt nicht, was ich machen wollte. Dann habe ich erst einmal als Au-pair in Philadelphia, USA, gearbeitet. Ich hatte meinen Eltern versprochen, dass nach dem Au-pair die große Erleuchtung kommt. Nur: Danach wusste ich es immer noch nicht.

Ich bekam stets positives Feedback, aber der Beruf arbeitet gegen meine Substanz

Zwei Freunde von mir sind nach Heidelberg gegangen und haben dort Grundschullehramt studiert. Mit denen hatte ich viel Kontakt, und die haben gesagt: „Komm uns doch besuchen und schau dir das an!“ Und mir hat es sehr gefallen dort. Meine Mutter war überrascht, dass ausgerechnet ich Lehrerin werden wollte. „Das war doch mit deinen Schwestern schon immer so schwierig, wenn du denen bei ihren Hausaufgaben geholfen hast“, hat sie zu mir gesagt. Aber ich habe das durchgeboxt, ich wurde Lehrerin.

Ich habe Deutsch und Englisch studiert. Wäre ich im Studium nicht so erfolgreich gewesen, hätte ich mich vielleicht früher gefragt, ob ich das wirklich machen will, ein ganzes Leben lang als Lehrerin arbeiten. Aber ich habe immer positive Rückmeldungen bekommen, ich hätte so eine tolle Lehrerpersönlichkeit und die Kinder würden so toll auf mich reagieren, ich sei klar und strukturiert, „einfach super!“

Ich glaube tatsächlich, dass sich viele meiner Persönlichkeitszüge mit den Ansprüchen des Lehrerberufs decken. Ich habe gar kein Problem damit, vor einer Klasse zu stehen und mich zu präsentieren. Im Referendariat habe ich dann sogar noch bessere Noten bekommen als im ersten Staatsexamen. Dann dachte ich: Okay, wunderbar, dann ist es das, was ich machen werde. Das ging ja auch viele Jahre gut.

Bis es eben nicht mehr ging.

Wenn ich gesund bleiben möchte, kann ich das nicht mehr machen

Ich habe zu Hause stundenlang den Unterricht vorbereitet, in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen, aber das hat nicht gereicht, ich wurde mir selbst nicht gerecht. Als Grundschullehrerin unterrichtest du nicht nur die Fächer, die du studiert hast. In meiner Klasse habe ich auch Sport unterrichtet. Meine Schule hatte allerdings zu wenig Platz in der Sporthalle, deswegen mussten wir eine der Sportstunden in einem Jugendclub durchführen. In einer Schulwoche fiel es meiner Klasse besonders schwer, sich an unsere Regeln zu halten. Da habe ich gesagt: „Wenn ihr euch hier nicht an die Regeln halten könnt, können wir auch nicht im Jugendclub Sport machen, da ist das nämlich noch wichtiger.“

Zwei Tage später hat mich mein Direktor zu ihm gebeten, eine Mutter, die Anwältin ist, hatte ihm einen Brief geschrieben: Ob ich denn nicht wüsste, wie wichtig Sport für die Kinder ist, was mir denn einfiele, den Kindern ihre Bewegung zu nehmen? Mein Schulleiter hat mich ihr gegenüber nicht verteidigt.

Das war das erste Mal, dass ich gemerkt habe: Wenn ich gesund bleiben möchte, kann ich das nicht mehr machen. Das geht mir zu nah, ich kann da keinen Abstand mehr nehmen. Ich konnte nicht mehr abschalten, bin nur noch mit Bauchschmerzen in die Schule gegangen, weil ich mich gefragt habe: Was wird noch alles an mir infrage gestellt?

Wenn ich darüber nachdenke, warum ich am Ende ausgebrannt aufhören musste, fallen mir viele Dinge ein.

Ich war gedanklich ständig in der Zukunft

Zum einen musste ich mich im 45-Minuten-Takt ständig auf neue Dinge einstellen. Ich bin von einem Klassenraum in den nächsten gerannt, Pausen gab es dazwischen fast nie. Außerdem war ich gedanklich ständig in der Zukunft: Ich muss noch den Beamer anmachen. Hoffentlich funktioniert der USB-Stick. Wenn das nicht funktioniert, kann ich die ganze Stunde vergessen. Geht der Kopierer eigentlich?

Im Lehrerzimmer gab es 30 Plätze für 60 Kollegen, Ruhe hatte ich da nie. Selbst in den großen Pausen konnte ich nicht stillsitzen. Stattdessen habe ich angefangen, die nächste Stunde im Kopf durchzugehen: Wo lege ich die Arbeitsblätter hin, damit die Schlange beim Anstehen niemanden beim Arbeiten stört? Immer, wenn ich nach Hause kam, war ich fix und fertig. Und zu Hause gingen dann die Vorbereitungen für die nächsten Tage weiter. Einen richtigen Arbeitsplatz, ein Büro oder so, gibt es für Lehrer ja nicht, Arbeit und Privates trennen ist echt schwierig.

Wenn ich alles zusammenrechne, dann haben sich die 28 Stunden, die ich im Klassenraum verbringe, noch einmal verdoppelt – mindestens. So viele Aufgaben sind mittlerweile dazugekommen: Telefonate, Hospitation, Förderpläne, Vertretungen, das ist zu viel, das hat kein Ufer. Aber ich konnte nie guten Gewissens sagen: Das ist nicht meine Aufgabe.

Zwei Mal im Jahr war ich dazu verdammt, Noten zu geben. Das war für mich immer super schwierig. Einerseits bewerte ich das Kind individuell: Was leistet es? Wie ist der Lernfortschritt? Aber gleichzeitig sehe ich es im Verhältnis zu den anderen Kindern in der Klasse. In der Grundschule beschweren sich die Kinder eigentlich nie über die Noten – aber natürlich die Eltern. Wenn die Kinder ihr Zeugnis bekommen, schauen sie immer nur ganz kurz auf ihr eigenes. Sie finden viel interessanter, was die anderen haben. Ich denke nicht, dass das von den Kindern selbst kommt, sondern eher von zu Hause, von den Eltern. Was mich besonders stört: Die Note drückt überhaupt nicht aus, wo ein Schüler Stärken hat.  Als Lehrerin bin ich beides gleichzeitig: Trainerin und Kampfrichterin. Ich motiviere, sporne an – und dann bewerte ich.

Ich habe mich gefühlt wie Bambi im Scheinwerferlicht

Als es mir immer schlechter ging, wurde ich immer im Zwei-Wochen-Rhythmus krankgeschrieben, wegen Depression, Überforderung und Angstzuständen. Es war schwierig, Abstand von der Schule zu gewinnen. Ich habe noch ständig E-Mails bekommen, irgendwann hatte ich Angst vor meinem Computer. Ich konnte zu dieser Zeit keine klaren Gedanken fassen. Ich definiere mich sehr über meine Sprache, und damals habe ich mich nicht wiedererkannt. Ich habe nur noch in kurzen Sätzen gesprochen, weil meine Gedanken abhandengekommen sind. Ich habe mich mehr und mehr von mir selbst entfernt.

Später musste ich zu meinem Schulleiter zu einem Präventionsgespräch. Da geht es darum, was der Schulleiter tun könnte, damit ich wieder als Lehrerin arbeiten kann. Da habe ich mich wie Bambi im Scheinwerferlicht gefühlt. Ich wurde auch gefragt, ob ich Menschen vom Personalrat dabeihaben will, und mein einziger Gedanke war: Oh Gott, bloß keine Zeugen!

Ich wollte einen Termin finden, an dem niemand mehr in der Schule ist – es war mir einfach peinlich. Der Schulleiter war zwar sehr nett in dem Gespräch, aber er hat letztendlich gesagt, dass er mir nicht viel anbieten kann. Er meinte, er hätte kaum Erfahrung mit so etwas. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, jemanden vom Personalrat mit Erfahrung dabei zu haben. Der Rektor hat mir auch angeboten, die Schule zu wechseln. Auch die Schulaufsicht hat mir eine andere Schule angeboten. Aber an der Schule lag es nicht.

Gegenüber meinen Kollegen hatte ich ein schlechtes Gewissen

Ich hatte ein schlechtes Gewissen meinen Kollegen gegenüber. Weil ich weiß, wie stressig es in der Schule ist, wie viele Lehrer jeden Tag fehlen. Eine meiner Kolleginnen hatte ich vertreten – weil sie selbst einen Burnout hatte. Als ich während meines Krankenstandes einmal in die Schule ging, um noch persönliche Sachen abzuholen, traf ich sie. Ich war total erleichtert davon, dass sie so nett war, so verständnisvoll – und musste direkt wieder losheulen. Ich dachte: Ich falle aus, und alle anderen müssen das auffangen. Diesen Druck hat mein Direktor mir genommen, er meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, sie hätten eine Vertretung für mich, ich solle einfach gesund werden.

Gegenüber meinen Freunden und meiner Familie habe ich mich für meine Krankheit geschämt, für mich war das ein Gesichtsverlust. Mittlerweile kann ich aber transparenter mit meiner Geschichte umgehen, zumindest meinen Freunden gegenüber. Je mehr ich mich den Leuten geöffnet habe, desto mehr Verständnis habe ich erfahren, auch von Freunden, die nicht Lehrer sind.

Innerhalb meiner Familie fiel mir das schwerer. Ich bin die älteste von vier Töchtern, ich war immer das Aushängeschild: Wow, die ist Lehrerin geworden! Als ich krank geworden bin, dachte ich: Scheiße, ich enttäusche jetzt meine Eltern! Was in den Gesprächen dann aber natürlich gar nicht so war. Sie wollten einfach, dass ich glücklich und gesund bin. Ich glaube, den allermeisten Druck habe ich mir selbst gemacht: Das darf keiner wissen, das ist peinlich!

Erst in der Therapie habe ich gemerkt, dass es okay ist. Je mehr ich mir das eingestanden habe, desto mehr konnte ich das auch nach außen vertreten. Mein Umfeld hatte da gar keinen großen Anspruch an mich. Gott sei Dank hatte ich meinen Partner an meiner Seite. Er ist toll, er stand zu mir, hielt meine Krankheit aus. Er ist die Laterne am Ende des Tunnels.

Vielleicht probiere ich es früher oder später noch einmal

Mir geht es heute besser, die Therapie hilft mir immer noch – aber jetzt muss ich mich mit den großen Fragen auseinandersetzen: Was kommt als nächstes? Wo will ich hin? Überall, wo ich mich bewerbe, heißt es: Lehrer seien so speziell ausgebildet, damit könne man nichts anfangen. Ich glaube, wenn man mir eine Chance geben würde, könnte ich mich eigentlich überall einarbeiten. Wieso können in den Lehrerberuf so viele Leute quereinsteigen – und ich als Lehrerin kann selbst nirgendwo quereinsteigen?

Ich sehe ein, dass der Job als Lehrer machbar ist. Ich war im Zuge meiner Krankheit aber an einen Punkt gekommen, an dem ich all das, was Lehrersein bedeutet, nicht mehr wollte. Vor allem wollte ich mich nicht mehr so krass anstrengen müssen, nur um mich endlich einmal kompetent zu fühlen. Ich bin zurzeit noch krankgeschrieben, deswegen bekomme ich 67 Prozent meines Gehalts. Ich mache viel Yoga, lese Bücher, die mir dabei helfen, meine Situation zu verstehen. Und ich spiele Theater – das war das einzige Hobby, das ich auch, als es mir richtig schlecht ging, nicht aufgegeben habe.

Heute denke ich: Vielleicht probiere ich es früher oder später noch einmal als Lehrerin. Am liebsten würde ich individuell mit Kindern arbeiten, aber vielleicht tut sich ja auch etwas im System Schule, so, dass es sich für mich mehr die Waage hält oder der Respekt gegenüber Lehrern wieder zunimmt. Ja, vielleicht mache ich das, irgendwann.


Wir haben den Namen der Lehrerin in Kathi geändert.

Dieser Text ist Teil der Serie „Was ich wirklich denke“, in der wir Menschen zu Wort kommen lassen, die in interessanten Berufen arbeiten oder in herausfordernden und besonderen Lebenssituation stecken. Trifft das auf dich zu und willst du davon erzählen? Dann melde dich unter: theresa@krautreporter.de

Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel; Audio: Iris Hochberger (Aufmacherfoto: iStock / skynesher).

"Wenn ich gesund bleiben möchte, kann ich nicht mehr unterrichten"

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